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„Was ist ein Prozess?“ – „Warum wollen Sie das wissen?“

Prozesse sind ein Produkt der Unternehmenskultur, nicht umgekehrt.

„Was ist ein Prozess?“ – eine häufige Frage, ein Top-Suchbegriff im Web. Vor Jahren habe ich versucht, eine einfache, marktwirtschaftlich orientierte Antwort darauf zu geben. Inzwischen bin ich vorsichtiger geworden und wundere mich zunehmend über die Häufigkeit dieser Frage. Heute entgegne ich: „Warum wollen Sie das wissen?“

Meist erhält man Antworten wie „Unser Management möchte Maßnahmen zur Prozessverbesserung ausarbeiten lassen“ oder „Wir wurden beauftragt, unsere Prozesse agil zu gestalten“ etc.

Es ist sicherlich wichtig, Fachtermini klar zu definieren; der Hintergrund der Frage erscheint aber noch viel interessanter. Modebegriffe werden oft als Lösungen missinterpretiert. Wir fallen immer wieder darauf herein: Wenn etwas vielen bekannt ist, dann muss es doch richtig sein, korrekt? Ich glaube, da machen wir es uns vielleicht manchmal etwas zu einfach.

„Prozess“ sowie sein scheinbarer Gegenpol „Agilität“ sind Modebegriffe. Diese markieren einen Weg, nicht das Ziel. Das Ziel sollte aber das Ziel sein. Es genügt jedoch nicht, lediglich ein Ziel zu benennen; es muss auch das richtige Ziel sein. Bildet die Entwicklung eines „Entwicklungsprozesses“ oder die Einführung einer „agilen Vorgehensweise“ die im Kern richtige Zielsetzung?

Als Optimist glaube ich gern, dass hinter jedem Managementhype ein guter Lösungsansatz steckt. Die Kunst ist es dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren. Manche Modeerscheinungen können nämlich überraschend hilfreich sein. Nehmen wir als Beispiel die in der Managementberatung populäre „Five Whys“-Technik (frei zu Deutsch: „Fünf Warums“). Diese bedeutet, dass sich der Fragende nicht mit der ersten Antwort begnügt, sondern sie bis zu fünf Mal hinterfragt, bis man der Sache auf den Grund kommt.

Wendet man den „Five Whys“-Ansatz auf die Prozessfrage an, so sind spannende Erkenntnisse so gut wie sicher. Die Forderung nach definierten Prozessen kann tieferliegende Probleme verdecken. Marktausrichtung, Produktkategorien, Führungsstil, Personalmanagement oder gar Kapitaldeckung oder Aktionärsstruktur können beispielsweise eine Rolle spielen. Es ist sicherlich vorteilhaft und gewinnbringend, derartig fundamentale Probleme an erster Stelle anzugehen. Erst wenn nach dem fünften „Why“ die Frage der Prozessgestaltung immer noch wesentlich erscheint, sollte auch die Frage „Was ist ein Prozess?“ ernsthaft angegangen werden.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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