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Warum Android das iPhone verdrängen wird

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Die Zeit „zwischen den Jahren“ lädt dazu ein, Vergangenes zu rekapitulieren und Zukünftiges zu prognostizieren. Meine Wette für heute betrifft den Smartphone-Markt. Die führenden Marken hier: Apple, Nokia, BlackBerry, Android.

Marken sind heute ein heikles Thema. Seit der großen PR-Revolution von Edward Bernays bildet Werbung keine Informationsquelle mehr – sie ist vielmehr eine freudsche Manipulationskunst geworden. In einem Raum voller iPhone-Fans eine andere Marke zu loben kann als beinahe so leichtsinnig gelten wie ein Kölsch in einer Düsseldorfer Altstadt-Eckkneipe zu bestellen.

Über Geschmack kann man endlos streiten. Gutes Design ist aber nicht bloß Geschmackssache. Gutes Design bedeutet einfaches Design. Die Bedienung der Mikrowelle in unserem Büro stellt eine Herausforderung dar. Dagegen ist meine 20 Jahre alte Philips-Mikrowelle mit einem einfachen Drehknopf ein Paradebeispiel für ein hervorragendes Design. Leider zog sich der niederländische Elektronikkonzern meines Wissens aus diesem Markt weitgehend zurück, und die in komplizierte Bedienungsstrukturen verliebten Asiaten dominieren seither den Markt. Scheinbar ist gutes Design für den Erfolg einer Marke nicht ausreichend.

Als Steve Jobs zur seinerzeit schwer angeschlagenen Apple Inc. zurückkehrte, trauten ihm nur wenige zu, eine Wende herbeizuführen. Schließlich hatte Steve nicht nur Erfolge vorzuweisen; ich denke dabei zum Beispiel an seinen NeXT-Computer, der eine kleine und sehr engagierte Fangemeinde überzeugte, es aber nie aus der Nische schaffte. Doch Steve ist eben kein Technik-Genie – er ist ein leidenschaftlicher Designer. Und ein guter Verkäufer.

Als im Jahr 2001 der iPod kam, waren die Massen begeistert. Nach der Einführung seines großen Bruders, des iPhones, erreichte der iHype seinen Höhepunkt. Plötzlich ist Apple wieder eine erfolgreiche Marke. Die Marktkapitalisierung von Apple Inc. überrundete im Jahr 2010 sogar die des Giganten Microsoft.

Der Kampf um die Gunst der digitalen Gemeinde spielt sich längst nicht mehr auf dem Desktop, sondern in unseren Taschen ab. Das iPhone hat die erste Schlacht spielend gewonnen. Doch iPhones Gegner sind mächtig: In Europa ist Nokia mit dem Symbian-System immer noch recht populär, der BlackBerry dominiert die Managementschreibtische, und Google gab sein Handy-Betriebssystem Android als quelloffen frei. Können sie aber iPhone von seinem frisch eroberten Thron stoßen?

Nokias Geräte werden es wohl nicht schaffen, die verlorenen Marktanteile wiederzugewinnen. Das einst erfolgreiche Unternehmen ist in den USA mit seinen Smartphones kaum noch präsent. Und was sich im Mutterland der Public Relations nicht durchsetzen kann, dem steht ein schweres Leben in Aussicht. Außerdem ist Symbian eine proprietäre Sackgasse, aus der sich keine Massentrends erzeugen lassen. Was Nokia einzig retten könnte, wäre ein Umstieg auf Android.

Als aktueller BlackBerry-User hänge ich natürlich an meinen Gewohnheiten. Die perfekte Integration mit weitverbreiteten Kommunikationsplattformen wie Microsoft Exchange und die blitzschnelle Push-Option sind unübertroffen. Mein BlackBerry ist die ultimative E-Mail-Maschine. Doch leider hat sein Hersteller RIM übersehen, dass Manager manchmal auch Spaß haben möchten: Browsen, Streaming-Videos schauen, kostenlose Spiele und Tools herunterladen. Vieles davon mag Spielerei sein, aber diese Spielkinder sind erwachsen und können über ihr Budget selbst entscheiden. Und die Smartphone-Entscheidung wird für viele von ihnen nicht mehr „BlackBerry“ heißen.

Anders gestaltet sich das bei Googles Betriebssystem. Android steht jedem Hersteller offen: Es ist auf verschiedenen Prozessoren und unterschiedlichen Plattformen lauffähig. Auf einem Android-Gerät lassen sich beliebige Programme installieren. Prompt haben Systemhersteller aus Fernost reagiert: Giganten wie Samsung und HTC entwickeln immer schönere und bessere Geräte. Auch im Tablet-Markt gewinnt Android schnell an Bedeutung; spätestens seit dem Erscheinen von Samsungs Galaxy Tab ist klar, dass Android nicht zu unterschätzen ist.

Vieles erinnert mich an den Siegeszug des PC und die Verdrängung der Apple-Computer vor einem Vierteljahrhundert:

  • Apple ist eine geschlossene Plattform, es lassen sich ohne Apples ausdrückliche Erlaubnis keine Programme auf dem iPhone installieren. Android dagegen läuft auf einer Vielzahl verschiedener Geräte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Vielfalt ein besseres Design hervorbringt.
  • Apples Softwaremarkt App Store ist eine zentral überwachte Institution, in der jede Applikation eine höchstrichterliche Erlaubnis von Apple benötigt, bevor sie zum Verkauf angeboten werden kann. Dafür verlangt Apple 30 Prozent (!) Provision. Android ist dagegen – ähnlich wie der PC – softwaretechnisch Wilder Westen. Auch wenn dies Gefahren birgt (Viren, Malware, fehlerhafte Applikationen etc.), so zeigt die Erfahrung, dass dieses Modell besser funktioniert als sein dirigistisches Gegenstück. „There is an app for that“ – so lautete ein Werbespruch für das iPhone. „There is a free app for that“ könnte Androids Gegenspruch lauten.
  • Das iPhone ist ein teures Gerät. Die Android-Konkurrenz liegt teils deutlich darunter. Hochpreisige Angebote sind häufig interessant – in ihren Nischen.
  • Android ist quelloffen. Dies bildet ein wichtiges Argument aus Sicht der Sicherheit, insbesondere außerhalb der USA. Zwar regen sich Zweifel an Googles Motivation, schließlich lebt das Unternehmen von der Ausnutzung der Grauzone um die Privatsphäre seiner Nutzer. Allerdings möchte Apple neuerdings auch an der mobilen Werbung mitverdienen, was gerade bei einem geschlossenen Betriebssystem für Unsicherheit sorgt. Was hindert Apple daran, seine Nutzer auszuhorchen?

Das alles spricht für die Android-Plattform. Hinzu kommt noch der Personenkult um Steve Jobs, eine weitere Gefahr für den Siegeszug von iPhone und iPad. Denn auch wenn die meisten iPhone-User heilig schwören, dass sie sich für die Marke wegen der tollen Funktionalität entscheiden, stellen weitere Faktoren wie das geschickte Marketing und die mediale Halbgott-Gestalt Steve Jobs wichtige Triebfedern für ihre Kaufentscheidung dar. Doch was passiert, wenn Steve erkrankt und sich dauerhaft aus dem Geschäftsleben zurückziehen muss? Vermutlich wird Apple Steves Qualitäten nicht ersetzen können. Sollten Apples Aktionäre gar wieder einen Schulbuchmanager zum CEO küren, würde Apples Niedergang besiegelt sein. Apple ist eben kein „normales“ Unternehmen.

Der Personenkult um Steve Jobs ist von einer besonderen Art.

Die IT-Industrie hat ein Alter erreicht, in dem offenbar wird, dass sich auch in diesem dynamischen Umfeld die Geschichte oft wiederholt. Meine Wette:

  • Android-basierte Geräte werden in den nächsten zwei Jahren das Rennen machen und alle anderen mobilen Plattformen deutlich zurückdrängen. Das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis, die unschlagbare App-Vielfalt und eine größere Auswahl an Endgeräten werden ausschlaggebend sein.
  • iPhone und iPad werden ihren Kultstatus weiterhin genießen, dabei allerdings mehr und mehr zum Bang & Olufsen der Smartphone-Branche werden: klein und fein. Spätestens dann, wenn Steve nicht mehr dabei ist, werden sich die Marktverhältnisse kräftig verschieben.
  • BlackBerry bleibt eine kleine Nische für besonders sicherheitssensible Bereiche.
  • Nokia wird weiter Marktanteile verlieren und in der letzten Sekunde ebenfalls auf Android umsteigen.

Mein nächstes Taschentelefon wird ein BlackBerry sein. Dann aber wohl zum letzten Mal. So, wie ich vor Jahren mein einst geliebtes Palm V PDA in die Schublade warf – das ich bis heute nicht vermisst habe.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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