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Mein Leben mit einem Android-Tablet

Jeder hat heutzutage ein Tablet. So scheint es zumindest, wenn man dem medialen Hype Glauben schenkt. Die Zeit war gekommen für einen Selbstversuch.

Irgendwann musste es so weit sein: Ein Tablet musste her. Die einzige Frage war nur noch: welches Gerät? Und: mit welchem Betriebssystem?

Nach reiflicher Überlegung schaffte ich mir das Xoom von Motorola an.

Argumente für gerade dieses Gerät fanden sich reichlich. Da wäre zum Beispiel das Betriebssystem Android (das iPad hat ja „jeder“) oder die gute Konnektivität (u. a. ein ganz normaler USB-Anschluss), gute Bewertungen in diversen Online-Foren (auch wenn die PR-Teams diese sicherlich reichlich „verschönert“ haben), gute Prozessorleistung, ein akzeptabler Preis. Da ich mit dem Tablet nicht per UMTS surfen wollte, genügte mir die WLAN-Variante, die ansonsten mit dem UMTS-Gerät identisch ist. Auf meinem Gerät war Android 3.0 installiert, welches sich schnell per Online-Update auf die Version 3.1 aktualisieren ließ.

Vollständigkeitshalber folgen nun die wichtigsten technischen Daten meines Geräts:

Betriebssystem Android 3.0 (Honeycomb)
Breite
Tiefe
Höhe
24.9 cm
1.3 cm
16.7 cm
Gewicht 730 g
Display-Diagonale 25.6 cm (10.1″) TFT
Auflösung 1280 x 800
Prozessor 1 GHz Dual-Core
RAM 1 GB
Massenspeicher 16 GB
WLAN WLAN   802.11 a/b/g/n
Bluetooth 2.1 EDR
Kamera 2 x (Vorderseite 2 Megapixel, Rückseite 5 Megapixel mit LED-Flash)
USB 1 x High-Speed
Kopfhörer-Anschluss 3.5 mm
Video-Anschluss HDMI
Preis Ca. 400 EUR inkl. Ust.

Die Inbetriebnahme gestaltete sich kinderleicht. Nach drei Minuten war das Gerät über eine verschlüsselte WLAN-Verbindung zu meinem Heimrouter online. Da die Konnektivität bei einem Tablet natürlich den eigentlichen Sinn des Gerätes ausmacht, war dies zu erwarten und noch kein Grund zu Freudensprüngen.

Die ersten Schritte mit dem internen Xoom-Browser, der sehr an Chrome erinnert, waren ermutigend: akzeptables Scrolling, gute Seitendarstellung, schnelles Rendering – da gibt es nichts zu bemängeln. Sofort musste ich Flash ausprobieren, denn Android rühmt sich damit, Flash zu unterstützen. Dies ist nun zwar nicht mehr ganz so aktuell, da Adobe die Entwicklung des Flash-Players für mobile Geräte nach eigener Auskunft plötzlich eingestellt hat. Trotzdem verwenden viele interessante Websites weiterhin Flash, unter anderen „South Park“. Doch was sehe ich da? Die Videos werden nicht sauber aufgebaut, ruckeln anfangs, bleiben teils stehen. Nach mehrmaligen Versuchen konnte ich einige South-Park-Folgen genießen, die aber nur im Vollbildmodus liefen. Das ging noch glimpflich ab; darüber hinaus musste ich noch häufiger die Erfahrung machen, dass etliche Websites mit Flash-Elementen nicht sauber laufen.

Dieser erste Eindruck entmutigte mich jedoch nicht. Was soll’s, möchte man denken, schließlich ist Flash ohnehin „tot“. Vermutlich wird es in wenigen Jahren praktisch keine Flash-Website mehr geben.

Als neugieriger Zeitgenosse machte ich mich also auf eine mehrwöchige Android-Erkundungsreise. Das Ergebnis überraschte mich.

Um es vorwegzunehmen: Meine Erwartungen – ich bin seit der Zeit der ersten Heimcomputer in den Achtzigern in der IT unterwegs – waren vielleicht zu hoch. Zugleich suggeriert der intensive Tablet-Hype, dem man in der Online-Welt ausgesetzt wird, eine riesige Funktionsvielfalt. Diese möchte man als alter Freak natürlich bis zum Exzess auskosten.

Lichtblicke und Schattenseiten

Die Tablet-Idee finde ich generell toll. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt. Ich fasse meine Eindrücke im Folgenden zusammen, zunächst die positiven:

  • Solide Bauweise: Xoom macht einen durchweg stabilen Eindruck.
  • Geräuschlosigkeit: Das besonders Gute an den Tablets ist natürlich ihre absolute Lautlosigkeit. Xoom stellt da keine Ausnahme dar. Es ist ein schönes Erlebnis, abends im Bett einmal die Zeitung zu lesen, ohne die Lüfter eines Laptops ertragen zu müssen.
  • Angenehme Laufzeit: Der Akku reicht für etliche Stunden intensiven Internet-Surfens. Zwar habe ich keine genaue Messung vorgenommen, aber ich schätze, dass sechs bis acht Stunden Dauersurfen den Akku noch nicht erschöpfen.
  • USB-Anschluss: Xoom lässt sich wie eine externe Festplatte an den PC anschließen und erscheint als externer Datenspeicher, den man beliebig manipulieren kann. Das ist sehr angenehm und bequem. Man benötigt keine Extratreiber oder sonstige Spezialsoftware.
  • Flüssiges Browsen: Der interne Xoom-Browser funktioniert recht flüssig. Außer den kleinen Verzögerungen beim Antippen ist hier nichts zu bemängeln.
  • Gute Videoleistung: Der in Xoom integrierte Videoplayer kann zwar nur eine beschränkte Anzahl von Videoformaten wiedergeben, jedoch findet man schnell eine App, mit der „flv“-Videos in hoher Auflösung absolut flüssig angezeigt werden können. Natürlich werden über die YouTube-App auch sämtliche YouTube-Videos ohne jegliches Ruckeln angezeigt. Das macht richtig Spaß.

Nun die weniger erfreulichen Erkenntnisse:

  • Schmieriger Touchscreen: Das gilt zwar für alle Geräte mit Touch-Bedienung, jedoch ist die Bildschirmfläche bei einem Tablet größer und die schmierigen Fingerspuren fallen deutlich ins Auge. Das ist höchst unappetitlich. Zwar lässt sich das mit Glas bedeckte Display problemlos säubern, trotzdem bleibt ein unschöner Eindruck bestehen. Bei aller Begeisterung für die Touch-Bedienung bleibt dies ein übles Problem, für das in naher Zukunft keine technische Lösung in Sicht zu sein scheint.
  • „Flash sucks“: Ich hatte seit Jahren schon den Eindruck, dass Flash nicht die Zukunft sein kann, jetzt WEISS ich es mit Sicherheit.
  • Kein DVD-Player: Es mag merkwürdig erscheinen, aber ich hatte leise auf die Option gehofft, einen DVD-Player anschließen und so einen Film aus der Videothek anschauen zu können. Dies ist jedoch nicht möglich. Ähnlich wie beim Flash kann man hier zwar argumentieren, dass die Zukunft den Online-Angeboten gehört und dass man eine DVD auf dem PC „rippen“ und dann auf dem Tablet abspielen kann – aber das ist eben nicht so bequem und günstig.
  • Schwache Lautsprecher: Angebracht an der Rückseite des Gerätes, geben die Lautsprecher zu wenig her. Zum einen sind sie einfach zu leise, zum anderen verdeckt man sie unfreiwillig, wenn das Gerät auf einer Stoffunterlage (z. B. Bettdecke) liegt. Dann hört man nämlich fast gar nichts mehr. Zwar gibt es Apps, welche die Lautstärke softwaretechnisch erhöhen, aber auch mit ihrer Hilfe erreicht man nicht den gewünschten Sound. Sehr ärgerlich.
  • E-Mail & Co.: Natürlich kann man Googles „Wolke“ nutzen, doch wer seine Daten dem Kraken nicht in den Hals werfen möchte, ist mit Android nicht so gut bedient. Es gibt zwar zwei Apps, die über ActiveSync mit dem Exchange-Server E-Mails, Termine, Aufgaben und Notizen abgleichen können, jedoch kommen sie an die Desktop-Outlook-Funktionalität nicht einmal ansatzweise heran. Definitiv benötigt man als „Power-Communicator“ weiterhin seinen Laptop oder Desktoprechner. Subjektiv fällt mir das E-Mail-Schreiben mit einem Blackberry und seiner mickrigen Tastatur um Längen leichter als mit dem Touchscreen eines Android-Tablets.
  • Unhandlich und schwer: Speziell die aktuelle Xoom-Version ist recht gewichtig. 730 Gramm mögen sich nach wenig anhören, aber auf Dauer muss man die Hand abstützen. Setzt man die Kante auf, dann ärgert es, dass die „Zurück“-Flächen am unteren Bildschirmrand abgebildet sind, man kommt nicht so leicht heran – das stört.
  • Dateizugriff im Windows-Netzwerk umständlich: Möchte man im LAN auf seine Daten – etwa Dokumente oder Mediendateien – zugreifen, so kommt Android sehr schnell an seine Grenzen. Zwar gibt es Samba-Apps, mit denen man auf Windows-Shares zugreifen kann, jedoch lassen sich die Dateien nur kopieren und keineswegs direkt von dort aufrufen. Lästig!
  • Onscreen-Tastatur schwach: Die bei Xoom standardmäßig vorhandene Tastatur hat keine deutschen Umlaute darstellen können (!). Es gibt zwar eine App, die einen recht guten Ersatz darstellt, doch bei jeder App bin ich immer misstrauisch und schaue, woher sie kommt. Meine Tastatur-App stammt von einem israelischen Programmierer, der bei einer Videoüberwachungsfirma angestellt ist. Auch wenn das Programm Open Source ist, bleibt da ein komisches Gefühl …
  • Werbung, Werbung überall: Praktisch alle kostenlosen Apps sind mit irritierender Werbung vollgepackt. Es gibt praktisch keine kostenlosen Apps (etwa Opensource), die ohne Werbung angeboten werden.
  • Browser unterentwickelt: Man ist von Windows & Co. verwöhnt: Firefox und andere Browser sind ausgewachsene, komplexe Programme mit umfassenden Add-ons-Ökosystemen. Dies muss man sich auf Android abschminken. Der interne Browser kennt keine Add-ons. Selbiges gilt für Opera. Firefox kennt zwar Add-ons, dafür ruckelt er und unterstützt kein Flash. In keinem der Browser lassen sich die Bookmarks sortieren (!). Im Opera-Browser lässt sich darüber hinaus einstellen, dass der Browser als „Desktop“-Browser erkannt wird; in den anderen Browsern geht das nicht, mit der Folge, dass manche Websites partout ihre Mobile-Seitenversionen anzeigen. Insgesamt kann man zwar nett browsen, aber es ist kein komfortables Surfen, wie man es vom Desktop oder Laptop her gewohnt ist. Im Übrigen stürzen alle der genannten Browser hin und wieder ab, was sehr lästig ist.
  • Kein Undo: Es gibt kein Undo. Es gibt keinen „Vorwärts“-Knopf im Browser. Und das im 21. Jahrhundert!
  • Multi-User? Fehlanzeige: Wer daran denkt, ein Android-Gerät mit anderen zu teilen, der ist mit einem Tablet wohl generell schlecht beraten. Es gibt keine Multi-User-Funktion im Android. Basta.
  • Sprachzwang: Ich mag es, manche Programme in ihren englischen Versionen zu starten, da die deutsche Übersetzung oft inakkurat oder schlicht schräg ist. Dies funktioniert beim Android generell nicht. Es muss alles zwangsläufig in einer Sprache laufen. Das ist lästig.
  • Wenig Apps: Man ist von Windows her sehr verwöhnt, denn man findet eine App für ALLES. A-L-L-E-S. Und vieles ist kostenlos und dennoch OHNE Werbung. Als Android-User wird man darauf noch Jahre warten müssen. Zugegebenermaßen gibt es für die meisten Aufgaben bereits eine App, und manche sind sogar richtig witzig, wie der ZX Spektrum Emulator, der Hunderte alter Spektrum-Programme per Direkt-Download installieren und abspielen kann. Das waren noch Zeiten …
  • Android Market enttäuschend: Zunächst ist es äußerst ärgerlich, dass man für den Android Market einen Google-Account braucht. Sämtliche Käufe laufen per Kreditkarte über Google Checkout – das empfinde ich als eine starke Einschränkung, aber vielleicht bin ich von einschlägigen Online-Händlern und anderen „Markets“ verwöhnt. Viel ärgerlicher ist jedoch die Funktionalität der Market-App. Die Suchfunktion ist lückenhaft; wenn man z. B. nach „Outlook“ sucht, findet man Hunderte von Apps, von denen die meisten nicht im Geringsten etwas mit Microsofts Outlook zu tun haben. Man kann sich nicht wünschen, nur in den Überschriften zu suchen. Wenn man seine Meinung zu einer App abgeben  möchte, dann muss man auf den Browser umsteigen (!). Unglaublich. Ich spare mir hier weitere Kommentare.
  • Big Brother is watching you: Wer das Buch “Search & Destroy: Why You Can’t Trust Google Inc.” gelesen hat, dem wird bei der Nutzung eines Android-Geräts mulmig. Man steckt noch tiefer in Googles PR-Maschine, wenn man für alle geschäftlichen und privaten Aktivitäten Google-Apps als Organizer und E-Mail nutzt, aber auch, wenn man – so wie ich – Drittanbieter-Apps nutzt, scheint man vor Googles Datensammelwut nirgends mehr sicher zu sein. Man ist stets im Google-System angemeldet (bestimmte Dienste, z. B. System-Updates oder Google Market, funktionieren sonst nicht), im Hintergrund laufen ständig verschiedene Google-Dienste (u. a. Latitude) , die man nicht selbst gestartet hat. Warum sind sie erforderlich? Welche Daten sammelt Google über mich? Vermutlich alle, die ihm direkt oder indirekt in die Finger fallen! Wer nun glaubt, dass er einen „Fake-Account“ bei Google anlegen kann und so unerkannt bleibt, der lebt in einer Traumwelt. Es mag für User, die „Loyalitätsprogramme“ mögen und sich über täglich frische Werbung in ihren realen und virtuellen Briefkästen freuen, ja prima sein. Für mich ist das schauerlich.

Noch ein langer Weg

Meine (weit überzogene) Erwartungshaltung war, dass ich weitgehend einen Laptop-Ersatz erhalte. Stattdessen habe ich ein Gerät mit der gefühlten Leistung eines Commodore Amiga 500 aus dem Jahre 1985 mit einer etwas besseren Grafik und einem Touchscreen erhalten.  Dieses Gefühl wird sich bei einem User nicht einstellen, der von einem Smartphone auf ein Tablet umsteigt; bei mir war dies eben umgekehrt.

Natürlich macht es Spaß, mit einem kleinen, lautlosen Gerät Lieblingsseiten im Internet anzusteuern, bevor man abends die Lampe ausknipst. Ein Sieben-Zoll-Gerät wäre darüber hinaus für Vielreisende sehr praktisch, denn Browsen auf dem Handy macht nur sehr begrenzt Spaß.

Mehr ist es aber nicht. Vielleicht werden Tablets eines Tages ganz andere Leistungsdimensionen erreichen, bis dahin wird aber noch sehr viel Wasser den Rhein herunterfließen müssen.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

Kommentare (1)

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  1. Christiane Schäffer sagt:

    Sehr unterhaltsam geschriebener Bericht, habe Ihn in meiner Mittagspause gelesen vielen Dank

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