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Was ist ein “Prozess”?

Der Prozess-Begriff hat eine ähnliche Tiefe und Unschärfe wie z.B. der Begriff eines „Objekts“. Die Norm ISO 9000:2000 definiert den Prozess als „Satz von in Wechselbeziehung oder Wechselwirkung stehenden Tätigkeiten, der Eingaben in Ergebnisse umwandelt“. Das hört sich aber immer noch unscharf an: was ist eine „Wechselbeziehung“ oder „Wechselwirkung“? Warum soll man sich überhaupt mit einem „Prozess“ beschäftigen? Betrifft das unser Projekt?

Vorsicht ist durchaus geboten. Zahlreiche Versuche, Prozesse in einem Projekt zu standardisieren, endeten in dicken Ordnern in verschlossenen Schränken – dies haben viele sicher nicht vergessen. Der Begriff eines „Prozesses“ weckt häufig die Befürchtung, das man sich bald mit übermäßig vielen (scheinbar oder tatsächlich sinnlosen) Formalitäten, komplizierten Abläufen und einem generell unerträglichen Overhead herumärgern muss.

Ein Informatiker mag bei Prozessen an UML-Aktivitätsdiagramme und Objektflüsse denken. Unsere Welt besteht gewissermaßen aus Algorithmen und Datenstrukturen, man muss sie nur modellieren: Algorithmen als Aktivitäten, Ergebnisse und Eingaben als Daten. Die Frage nach dem Sinn eines „Prozesses“ ist damit aber immer noch nicht beantwortet.

Uns gefällt eine ganz pragmatische Sicht auf Prozesse. Da wir hier Prozesse im Kontext einer kommerziellen Organisation betrachten, könnte man Prozesse als Teile der Wertschöpfungskette betrachten. Schließlich werden Unternehmen nicht aus purem Spaß gegründet: das Ziel ist es, Geld zu verdienen.

Prozesse wären somit Verkettungen von Zwischenstationen auf dem Weg, der Organisation einen positiven Cash Flow zu ermöglichen. Eine Zwischenstation benötigt Produkte von Vorstufen, um „veredelte“ Ergebnisse an weitere Schritte der Wertschöpfungskette reichen zu können. Darüber hinaus ist die sorgfältige Wortwahl wichtig: der von uns selbst soeben verwendeter Begriff „Verkettung“ suggeriert, dass ein Prozess einer deterministisch-linearen Abfolge ähnelt. Dies ist aber erfahrungsgemäß nicht immer der Fall, denn Entscheidungen, Parallelitäten und andere Eigenschaften führen zu Verzweigungen.

Ein Definitionsversuch könnte somit wie folgt formuliert werden:

Ein Prozess ist ein gerichteter Graph, bestehend aus Aktivitäten, aus Übergängen zwischen den Aktivitäten und aus Arbeitsobjekten. Die Aktivitäten benötigen Arbeitsobjekte, um neue oder wertvollere Arbeitsobjekte zu erzeugen. Ziel eines Prozesses ist ein profitabel verkaufsfähiges Produkt.

(Ursprünglich veröffentlicht am: 05. Juli 2007)

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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