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Norbert Niemandski

Sie kennen Norbert Niemandski. Sie haben ihn selbst angeheuert.

Er ist da. Sitzt geduldig auf seinem Platz und schweigt. Er beschwert sich nicht über Wochenendarbeit und undankbare Aufgaben. Er wird nicht überraschend erklären, dass er 14 Monate Elternzeit am Stück nimmt. Er schnauzt nicht zurück.

Er bleibt Ihnen treu. Er will niemals Ihren Job. Er trinkt Ihnen die Kaffeemilch nicht weg. Er trinkt gar keinen Kaffee, macht keine Zigarettenpausen, surft nicht privat in Ihrem Firmennetz, mischt sich in die Unternehmenspolitik nicht ein.

Er ist Norbert Niemandski.

Norbert Niemandski ist ein erstaunlicher Mitarbeiter. Er bleibt in seinem Kästchen in Ihrem Organigramm gerne über Jahre hinweg glücklich und zufrieden. Dank seiner unübertroffenen Flexibilität und seines galaktischen Wissensschatzes ist er immer bereit, zwei, drei oder mehr Positionen gleichzeitig zu übernehmen. Er schafft das – und er schafft es locker und tadellos: Er macht absolut keine Fehler.

Und das bei einem unglaublich niedrigen Gehalt von null Euro. Er ist ehrenamtlich unterwegs.

Norbert Niemandski beschwert sich nicht darüber, dass nur die ersten Buchstaben seines Namens ins Organigramm eingetragen sind: „N.N.“

Sie kennen Norbert Niemandski. Sie haben ihn selbst in Ihr Teamchart eingetragen, denn Sie wussten nicht, wer den Job sonst machen kann. Norbert Niemandski kann es.

Norbert Niemandski ist ein Phänomen. Er taucht in allen Branchen und auf allen Organisationsebenen auf. Es gibt für ihn keine fachlichen Schranken. Und doch wird er sang- und klaglos gehen, wenn Sie ihn endlich durch einen echten Mitarbeiter ersetzen. Norbert Niemandski ist es gewohnt, von jetzt auf gleich gefeuert zu werden.

Norbert Niemandski muss dringend ersetzt werden. Oft ist es lange unklar, welchen Schaden er der Organisation zufügt. Wenn seine Einsatzdauer in Tagen und Wochen gemessen wird, dann ist es noch unkritisch. Wenn er aber über Monate bleibt, dann gibt es ein Problem. Ein Problem mit Norbert Niemandski. Ein Problem mit Terminen, mit Lieferumfängen und mit der Qualität.

Was tun, wenn Norbert Niemandski einfach nicht gehen will? Man kann:

  • eine Rolle umdefinieren,
  • externe Unterstützung holen (Zeitarbeiter, Freiberufler),
  • Prozesse anpassen,
  • die Aufgabe auf andere Schultern umverteilen
  • etc.

Alles nicht einfach.

Falsch ist es jedoch, Norbert Niemandski auf Biegen und Brechen durch unqualifizierte Kräfte zu ersetzen („Holen wir uns doch einen Studenten …“). Man wird dann oft einen neuen Norbert Niemandski bekommen, der genauso unwirksam ist wie das Original, aber wesentlich teurer. Letzteres nicht nur, weil der neue „N.N.“ nun bezahlt werden soll, sondern auch, weil sich die Projektverantwortlichen der Illusion hingeben, es sei ja nun alles okay. Das ist es aber nicht. Und das zeigt sich erst später, manchmal viel später, oft wenn es bereits zu spät ist.

Wenn dem so ist, dann ist mir der echte Norbert Niemandski – unser „N.N.“ – immer noch lieber. Wir haben uns ja ohnehin schon an ihn gewöhnt.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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