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Kugler Maag Cie-Forum: Halten agile Methoden, was sie versprechen?

Letzte Woche hat das Beratungsunternehmen Kugler Maag Cie in Kornwestheim ein kleines, aber feines und exquisit besuchtes Symposium organisiert, unter der Überschrift „Halten agile Methoden, was sie versprechen?!

Ob man es mag oder nicht: Agilität ist groß im Kommen. Gestern waren alle „prozessorientiert“, heute geben sich alle „agil“. Was man auch immer darunter versteht – „Scrum“ und „Agilität“ scheinen beinahe synonym verwendet zu werden. In den Vorträgen spiegelte sich diese Erfahrung meist wider. Besonders spannend wird die Frage in sicherheitsrelevanten Bereichen wie zum Beispiel in der Automobilindustrie. Kann man agil extrem sichere Systeme entwickeln?

Konferenzeröffnung Agil Hans Jürgen Kugler

Konferenzeröffnung durch Hans-Jürgen Kugler*

Tillman Schumm von der BMW CarIT GmbH, der die erste Keynote hielt, offenbarte, was viele bereits geahnt hatten: Auch im Automobilumfeld wird agil entwickelt. Natürlich werden bei BMW sicherheitsrelevante Systeme erstellt. Zumindest in der Vorentwicklung gewähren bestimmte Scrum-Praktiken nach seiner Ansicht ein sinnvolles Vorgehen. Die Herausforderung, trotzdem strenge SPICE-und andere BMW-interne Anforderungen zu erfüllen, sei zu meistern.

Dem pflichtete Michael Thomas von Kugler Maag Cie in seinem Beitrag über einen agilen Einsatz in einem SPICE-Level-3-Umfeld bei einem international tätigen Automobilzulieferer bei. Ein konsequenter Einsatz integrierter Tools ermögliche einen standardkonformen und zugleich agilen Entwicklungsprozess. Dass man in einer Level-3-Organisation auch agil sein kann, ist eine kleine Sensation, die sicherlich mehr Publicity verdient.

Bonifaz Maag (Kugler Maag Cie) betonte in seinem Beitrag, dass eine konstruktive Sicht auf die Frage „agil vs. prozessorientiert“ vonnöten sei. Hauptsache, es helfe – ob es nun die eine oder die andere Überschrift trage, sei zweitrangig. Zudem ging er auf die Frage der Kooperation zwischen den Zulieferern und den Autoherstellern ein. Eine unternehmensübergreifende Agilität – das scheint noch Zukunftsmusik zu sein. Eine flexible Verzahnung der Release-Zyklen der Hersteller und der Zulieferer wäre dafür erforderlich.

Tools wurden mehrfach im Laufe der Veranstaltung zum Thema. Wenig überraschend, waren auch Tool-Hersteller mit von der Partie. Vertreter von Itemis AG (Ömer Gürsoy stellte eine Traceability-Plattform vor), microTool GmbH (Enrico Fritz präsentierte eine integrierte Werkzeugumgebung) und Parasoft Deutschland GmbH (Wolfram Kusterer demonstrierte ein Werkzeug zur kontinuierlichen Qualitätssicherung im Sourcecode-Umfeld) zeigten an praktischen Beispielen, wie mit wenig Anstrengung eine agile und prozesskonforme Entwicklungsarbeit zu gestalten wäre.

Die zweite Keynote bildete zweifelsohne ein Highlight der Veranstaltung. Der Vortrag Björn Schneiders (OOSE GmbH) war Unterhaltung vom Feinsten. Von kritischen Anmerkungen über die schräge Benamung einiger agiler Verfahren („Scrum“ heißt „Gedränge“ – nicht gerade professionell anmutend) bis zur spannenden Zeitreise durch die Geschichte der Führungsstile – seine Keynote sorgte für eine heitere und dabei doch nachdenkliche Stimmung im fast vollen Vortragssaal. Geschickt wurde die Frage des richtigen unternehmerischen Führungsstils in den makroökonomischen Kontext von Massenbewegungen in der Gesellschaft gesetzt. Führung sei letztendlich ein Kind des Zeitgeistes. In einem Zeitalter kurzweiliger Veränderungen und immer schnellerer Innovationszyklen könnten heute nur flexible, „agile“ Unternehmen überleben, weil die ganze Welt nach diesem Muster lebe.

Björn Schneider in seinem Element

Björn Schneider in seinem Element*

Anschließend leitete Theo von Bomhard eine höchst interessante Podiumsdiskussion ein, an der neben den Rednern auch Hans-Jürgen Kugler, der geistige Vater der Veranstaltung und Guru des systemischen Denkens in der deutschen Beratungsbranche, aktiv teilnahm.

Ich fand die Veranstaltung äußerst interessant und anregend. Für die spannenden Redner und das hochkarätige Publikum hat sich der weite Weg zweifelsohne gelohnt. Selten habe ich in derartigen Veranstaltungen so viele faszinierende Ideen mitbekommen und eine so gute Stimmung erlebt.

Einige Fragen konnten aber noch immer nicht ausreichend diskutiert werden, insbesondere die des scheinbaren Widerspruchs zwischen den agilen und sicherheitsrelevanten Aspekten. Wie lange dabei der agile Begriff weiter strapaziert werden muss, wird sich zeigen. Vielleicht brauchen wir eine andere, weniger polarisierende Überschrift. In jedem Fall bin ich auf die Fortsetzung gespannt!

*Fotos erstellt – und verwendet mit Erlaubnis – von Kugler Maag Cie
 
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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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