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Ein Blick in die automobile Glaskugel

Die Automobilhersteller überbieten einander mit Ankündigungen, wann ihr erstes autonom fahrendes Auto marktreif sei: in acht, sechs, sogar in vier Jahren. Zeit für einen Blick in die automobile Glaskugel.

In einer Limousine sitzen vier Personen an einem Tisch und spielen miteinander Domino. Das Auto hat keinen Fahrer – es steuert alleine sicher auf der Autobahn. Das Lenkrad ist nebensächlich, keiner beachtet es; der davorsitzende Mann wendet ihm den Rücken zu.

Dieses Bild entstammt keineswegs einer aktuellen Designstudie eines führenden Automobilherstellers. Es handelt sich vielmehr um eine Anzeige aus den 50er-Jahren.

Viele teils erstaunlich visionäre Ideen aus ferner Vergangenheit wurden nie Wirklichkeit. Fliegende Autos, Menschenkolonien auf dem Mond und auf dem Mars, voll automatisierte Häuser und vieles mehr – das alles ist, zumindest immer noch, Science-Fiction. Doch die jahrzehntealte Vision eines fahrerlosen Autos scheint endlich Realität zu werden.

Im Jahr 2012 erschütterte Google das automobile Establishment mit der Meldung, dass Dutzende fahrer-, ja lenkradlose Autos, die „Google Cars“, Hunderttausende von Kilometern unfallfrei unterwegs gewesen seien.

Das sind bahnbrechende Entwicklungen, deren Reichweite nur wenigen Experten klar ist. Gerade von einem IT-Unternehmen hätte man diesen Vorstoß kaum erwartet. Was kommt als Nächstes? Laufen aktuelle Autohersteller Gefahr, Hardwarezulieferer für Google und Apple zu werden? Wann kommt das autonome Fahrzeug? Ist es überhaupt eine reale Perspektive oder schon wieder einer der vielen PR-Gags?

Wohin führt das? Was, wenn auf einmal Google und Apple Autos herstellen? Wem gehört eigentlich die automobile Zukunft: den Traditionsunternehmen oder pfiffigen IT-Aufsteigern? Werden Autos zu Computern auf Rädern?

Was würde uns ein Blick in eine „automobile Glaskugel“ verraten? Die folgende Zeitschiene bildet eine der vielen möglichen Zukunftsprojektionen ab. Wird es wirklich so kommen? Wer weiß. Und was, wenn?

Anmerkung: Um hiesigen Anwälten aus dem Weg zu gehen, wird der Begriff „ein europäischer Automobilhersteller“ verwendet. Welcher das jeweils sein mag, sei der Fantasie des geneigten Lesers überlassen.


2016     Google absolviert die ersten Fahrten mit autonomen Fahrzeugen bei voller Geschwindigkeit quer durch die USA.

2017     Mehrere Hersteller melden ähnliche Erfolge in Europa, inklusive voller Autonomie in dicht bebauten städtischen Gebieten und allen erdenklichen Verkehrssituationen, Witterungen und Umgebungen.

2017     Apple Inc. kauft Tesla Inc. und kündigt das erste teilautonome (Stufe 3) Auto an, das mit Apple-Technologie für autonomes Fahren ausgerüstet ist. Es darf jedoch nur in ausgewählten, besonders gut digital erfassten Gebieten autonom betrieben werden.

2018      Alle Autohersteller haben inzwischen Systeme für autonome Autobahnfahrten und selbstständiges Einparken im Programm.

2018       Google Inc. schließt eine strategische Allianz mit einem führenden deutschen Automobilhersteller, woraufhin zunächst in ausgewählten, später in zahlreichen Fahrzeugen sämtliche Entertainment- und Telematikfunktionen über Googles Android-Geräte und Cloud-Services abgewickelt werden.

2019       Microsoft schließt ein ähnliches Abkommen mit Ford und GM.

2019       Apple stellt das erste vollautonome (Stufe 4) iCar in einem besonders attraktiven Design vor.

2019       Ein europäischer Hersteller bringt das erste vollautonome Fahrzeug der Luxusklasse auf den europäischen Markt.

2020       Ein europäischer Automobilhersteller zieht mit einem vollautonomen Mittelklassemodell und einer autonomen Sonderanfertigung eines Nobelmodells nach. GM bringt ein neues Cadillac-Modell mit einem ähnlichen System auf den US-Markt.

2020       Ein europäischer Automobilhersteller kündigt vollautonome Fahrzeuge im Niedrigpreis-Segment an, die statt mit eigener nun vorwiegend mit Google-Software gesteuert werden.

2020       Die chinesische Regierung erlässt ein Gesetz, wonach innerhalb von 5 Jahren 90 % aller in China zugelassenen Fahrzeuge vollautonom und elektrisch fahren müssen.

2021       Ein europäischer Automobilhersteller bringt autonome Lastwagen zur Marktreife.

2021       Alle anderen Hersteller, wie Ford, GM, Toyota etc., bringen vollautonome Pkw auf den Markt.

2021       Ein bisher unbekannter chinesischer Fahrzeughersteller (nennen wir ihn „Red Dragon Inc.“) bringt einen vollautonomen Pkw auf den europäischen Markt, zu einem Kampfpreis von 15.000 Euro.

2021       Versicherungen bieten Kfz-Besitzern, die ein autonomes Fahrzeug erwerben, einen Versicherungsprämiennachlass von bis zu 90 %.

2022       Massenstreiks französischer Lkw-Fahrer gegen autonome Lkw legen den europäischen Fernverkehr lahm. Dabei werden auf Pariser Straßen die Logos eines deutschen Automobilherstellers und von Google medienwirksam verbrannt.

2022       Ein deutscher Automobilhersteller bringt das erste marktreife autonome Taxi auf den Markt. Begleitet von Protesten wütender Taxifahrer werden von Funktaxiunternehmen autonome Taxen zuerst in München und Berlin, dann in Hamburg und anderen Großstädten eingeführt.

2022       Carsharing-Unternehmen wie Uber und MyTaxi bringen flächendeckend vollautonome, fahrerlose Fahrzeuge auf die Straße. In Großstädten beträgt die mittlere Wartezeit auf ein über ein Smartphone gerufenes Shared Car ca. 1,5 Minuten. Dank der leistungsfähigen Smartphones kann jeder Fahrgast seine Fahrzeugpersonalisierung „mitnehmen“ (Sitzeinstellungen, Fahrzeugklimatisierung, Multimedia, bevorzugte Fahrrouten und Ziele usw.) Auf Wunsch bringt das Auto auf dem Weg Erfrischungsgetränke, Snacks oder frisch gebrühten Kaffee mit. Die Fahrzeuge erkennen eventuelle Verunreinigungen im Innenraum selbstständig und begeben sich automatisch bei Bedarf zur Fahrzeugreinigung. So sind die gestellten Autos immer sauber und angenehm. Die Akzeptanz des Carsharing-Prinzips steigt dadurch sprunghaft. Der Erfolg treibt die Aktienkurse von Carsharing-Unternehmen in astronomische Höhen, während die Aktien der traditionellen Fahrzeughersteller dagegen herbe Rückschläge erleiden.

2023       Durch einen Serienfehler eines Zulieferers sicherheitsrelevanter Bordsysteme ereignen sich in den USA, Kanada und in Russland unter speziellen Wetterbedingungen zahlreiche Unfälle mit Todesfolge. Die US-Behörde NHTSA ermittelt gegen das Management. Die Opfer reichen eine Gruppenklage („Class Action“) beim amerikanischen Bundesgericht ein. Carsharing-Unternehmen, die autonome Fahrzeuge anbieten, verlieren an der Börse bis zu 80 % ihres Werts.

2023       Google kauft Apple und übernimmt somit die ehemalige Tesla-Schmiede.

2023       Ein erstes Formel-1-Rennen mit vollautonomen Fahrzeugen findet statt.

2024       Der Absatz von Fahrzeugen bricht weltweit ein. Insbesondere in urbanen Gebieten wird Carsharing zur dominierenden Mobilitätsform.

2024       Ungeachtet der Allianz mit einem führenden deutschen Automobilhersteller bringt Google ein für Carsharing konzipiertes Fahrzeug aus dem ehemaligen Tesla-Werk auf die Straße. Der Transfer ist für die Fahrgäste umsonst. Die Fahrzeugflotte wird durch Werbung finanziert (Augmented Reality in digitalen Fenstern, im Onboard-Video und akustisch durch HiFi-Bordsysteme).

2024       Richter entscheiden, dass Fahrzeuganbieter bei Unfällen, die sich durch Fehler in der autonomen Fahrzeugführung ereignen, voll haften müssen.

2025       Regierungen führender Autonationen schreiben in ihren Gesetzgebungen fest, dass die Staaten mit Steuergeldern – und nicht die Fahrzeughersteller – bei Unfällen durch Fehler in der autonomen Fahrzeugführung aufkommen, indem sie als Rückversicherung agieren und somit die Autohersteller entlasten.

2026       Der öffentliche Verkehr wird um die Hälfte reduziert und mit autonomen Fahrzeugen ausgestattet.

2028       Ganze Berufsgruppen und Industriezweige verschwinden: Busfahrer, Bahnfahrer, Lkw-Fahrer, Taxifahrer, Fahrschullehrer, Blitzkastenhersteller, Radarfallenanbieter, Rennfahrer usw.

2030       Herkömmliche Fahrzeuge werden in Deutschland und vielen anderen Ländern aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen verboten. Innerhalb von fünf Jahren müssen alle Fahrzeuge mit Stufe-3-Autonomie oder niedriger ersetzt werden. Nur noch vollautonome Fahrzeuge sind erlaubt. Die Fahrzeughersteller profitieren massiv von dieser einmaligen Situation, da ein Großteil der noch im Straßenverkehr befindlichen Fahrzeuge betroffen ist. Sie haben es bitter nötig; der Absatz ist in den vergangenen 10 Jahren weltweit um 80 % eingebrochen.

2033       Autohersteller brechen komplett mit dem traditionellen Fahrzeugdesign. Die Autos sind größer und rundlicher. Sie haben kein Lenkrad und keinen dedizierten Fahrersitz, dafür bieten sie den Fahrzeuginsassen großzügige Arbeitsflächen. Die Sitze sind in größeren Modellen teilweise zueinander gewandt, sodass mobile Konferenzräume entstehen. Fenster sind multifunktional: Auf Wunsch werden sie undurchsichtig oder agieren als Displays. Besonders beliebt sind Technologien wie Neigetechnik und ABC-Systeme (Active Body Control, ein System, das Fahrbahn-Unebenheiten aktiv ausbügelt), die so perfektioniert wurden, dass die Insassen fast gar nicht merken, dass sie unterwegs sind.

2035       Eine beispiellose globale Fusionswelle rollt über die Automobilindustrie. Amerikanische Fahrzeugschmieden werden vom chinesischen Hersteller Red Dragon Inc. übernommen. Deutsche Hersteller fusionieren und kaufen noch dazu, was von anderen Herstellern wie Jaguar und Renault übrig ist. Japanische Hersteller fusionieren mit Koreanern.

2038       Nur noch vier Hersteller bleiben übrig: die deutsche Germania Car AG, die koreanisch-japanische Sunrise Inc., die chinesische Red Dragon Inc. und der zunehmend dominierende Marktführer Google.

2040       Kinder lernen in den Schulen im Geschichtsunterricht, dass Menschen früher an einem mit Leder beschlagenen Rad drehen und mehrere Pedale treten mussten, um mit dem Auto von A nach B zu kommen.

 


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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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