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Dialektischer Kunstgriff 39

Eine konstruktive Gesprächskultur ist in jeder Organisation wichtig. Sie bleibt aber ein rares Gut.

Frage: Wie erkennen wir, dass uns unser Gesprächspartner manipulieren möchte?

Antwort: Seine Lippen bewegen sich.

Hört sich das zynisch an? Es mag wie eine recht beschränkte Ansicht anmuten, erscheint aber durchaus logisch, wenn man so manches Meeting besucht.

Da wird Sprache gern als Waffe missbraucht. Das hierbei aufgebotene dialektische Arsenal ist häufig umfassend. Schopenhauers 38 Kunstgriffe („Eristische Dialektik“) sind höchstens eine kleine Teilmenge aller möglichen Tricks – zumeist unfairer Art –, die im Gespräch angewendet werden können. Der geneigte Leser ist herzlich willkommen, diese Kunstgriffe zu studieren. Ein einfacher und dabei äußerst wirksamer Kunstgriff findet sich dort jedoch nicht:

Kunstgriff 39: „Das Gespräch rücksichtslos dominieren“

Den Mitbewerbern und aktuellen bzw. potenziellen Gegnern umgehend ins Wort fallen und sie dann nicht zu Wort kommen lassen; stattdessen auffallend laut, womöglich schnell und in jedem Fall lange reden. Zugleich bei den entscheidenden Persönlichkeiten, um deren Gunst man ersucht, genau das Gegenteil pflegen.

Man mag einwenden, dass dieser Kunstgriff eine Erweiterung des Schopenhauer-Kunstgriffs 36 („Gegner durch hochgestochenen Wortschwall irritieren“) sei. Doch der Kunstgriff 39 beschränkt sich nicht auf „Hochgestochenes“. Ganz im Gegenteil, hier wird konkret auf die Sache bezogen argumentiert, wobei die „Sache“ meist eigene Interessen bedeutet; was jedoch kaum offen aufgetischt wird, wie sich wohl von selbst versteht.

Ich habe in verschiedenen Situationen den Beweis miterleben dürfen, dass genau diese erstaunlich ruppige Taktik verblüffende Ergebnisse liefert.

Warum?

Erstens, es ist bewiesen, dass laut und viel sprechende Gesprächsteilnehmer mehr Gehör finden. Ihnen werden instinktiv höhere Führungsqualitäten zugetraut.

Zweitens, in unserer Kultur wird die verbale Dominanz im Alltag allgemein akzeptiert („Frech kommt weiter“ genießt den Rang einer Volksweisheit).

Drittens, die „entscheidende Persönlichkeit“ (meist Führungskraft oder Budgetverantwortlicher), die man am Gesprächstisch auf seine Seite ziehen will, wird im Unterschied zu anderen Gesprächspartnern mit Respekt behandelt – insofern wird sie oft mit Unverständnis reagieren, sollten die benachteiligten Gesprächspartner sich über den ruppigen Trick beschweren (eine Variante des Prinzips „Teile und herrsche“).

Die Kehrseite dieses erstaunlich wirksamen Tricks stellt die Gefahr dar, dass er von mehreren Personen gleichzeitig angewendet wird. Das Gespräch artet dann schnell in Gebrüll aus. Es kann aber auch nicht sein, dass man um des Friedens willen den pfiffigen Dialektiker gewähren lässt. Schließlich ist es legitim, den eigenen Punkt in einem fairen Gespräch standhaft zu vertreten. Doch genau diese Fairness bildet eine zwingende Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog, dessen Ziel eine möglichst optimale Lösungsfindung sein muss.

Es gehört zu den wichtigen Führungsaufgaben, eine faire, konstruktive Gesprächskultur zu pflegen. Organisationen, in denen nicht Kunstgriffe, sondern ein effizienter Informationsaustausch im Vordergrund steht, agieren aus offensichtlichen Gründen effektiver.

Gute Gesprächskultur ist ein brüchiges und kostbares Gut. Lasst uns es schützen und pflegen, es lohnt sich.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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