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Dem Systembau gehört die Zukunft

Der hiesigen Wirtschaft geht es derzeit verblüffend gut. Dafür gibt es sicherlich eine Reihe volkswirtschaftlicher Gründe. Der wichtigste aber ist die Ausrichtung der Exportindustrie auf den Systembau.

Es ist schon erstaunlich, wie schön der Exportmotor hierzulande brummt. Schuldenkrise hin oder her – deutsche Produkte scheinen im Ausland extrem begehrt zu sein. Die Exportquote (Anteil der Ausfuhren am Bruttoinlandsprodukt) beträgt inzwischen satte 40 %, Tendenz steigend. Von solchen Zahlen können die meisten Länder nur träumen.

Die Automobilindustrie ist dabei ein Paradebeispiel. VW, Daimler und BMW zahlen ihren Mitarbeitern nie dagewesene Prämien. Auf den Audi Q5 muss man mindestens zwölf Monate lang warten. Und es werden verzweifelt qualifizierte Mitarbeiter für den Automobilbau gesucht.

Neben den volkswirtschaftlichen Faktoren, unter denen insbesondere die Rolle der gemeinsamen EU-Währung von großer Bedeutung ist, fällt ein Umstand besonders ins Gewicht: In Deutschland werden offensichtlich attraktive Produkte hergestellt. Dabei handelt es sich nicht um Rohstoffe, rein mechanische Produkte oder reine Software – es geht um komplexe Systeme mit Hardware- und Softwareanteilen.

Die Verbindung von Hard- und Software spielt eine immer wichtigere Rolle. Ein modernes Fahrzeug enthält Dutzende von Prozessoren, die alle softwaretechnisch umfangreich ausgestattet sind. Diese Hardware wird mit ausgeklügelter Software erst richtig wertvoll gemacht. Ob es sich um ABS-Systeme, Aktivlenkung oder das Unterhaltungssystem handelt – Hard- und Software gehen da stets Hand in Hand. Wenn zudem das Design noch stimmt – und das scheint bei hiesigen Autoherstellern häufiger als anderswo zu gelingen –, dann ist ein Fahrzeug ein Produkt, dass seine Marktpotenziale lange ausspielen kann.

Diese Stärke ist kein Zufall, sondern logische Folge der konsequenten Systemdenke, die Hard- und Software systematisch vereint.

Reine Hardware im weitesten Sinne, zum Beispiel RAM-Bausteine im Computerbau oder mechanische Bauelemente, sind leicht zu kopieren, in Fernost billiger herstellbar, oder beides. Derartige Produkte (bestes Beispiel: Unterhaltungselektronik) haben an teuren Standorten wie hierzulande keine Zukunft.

Reine Softwareerzeugnisse sind zwar sehr flexibel, jedoch intrinsisch leicht zu kopieren, patenttechnisch (zumindest hierzulande) schwer zu schützen, relativ leicht und (je nach Standort) günstig herzustellen und daher flüchtig wie Äther. Abgesehen von wenigen Schwergewichten wie Microsoft, Oracle oder SAP ist reine Software strategisch gesehen traditionell eine riskante Wette.

Eine Kombination aus Hard- und Software dagegen vereint die Stärken beider Komponenten. Sie ist schwer zu kopieren, relativ leicht zu entwickeln, flexibel und lässt sich patentrechtlich schützen.

Darüber hinaus sind psychologische Aspekte der Produktgestaltung nicht zu vernachlässigen. Menschen kaufen gern etwas, das sie in die Hand nehmen können. Der Wert – und damit der Preis – von „Produkten zum Anfassen“ wird unbewusst höher eingeschätzt, als dies bei reinen Softwareprodukten der Fall ist („die Software muss frei sein“, sagt man gern – heißt übersetzt: Wir wollen für Software nicht zahlen).

Natürlich werden nicht nur in Deutschland attraktive Systeme hergestellt. Ein Paradebeispiel stellt das iPhone dar. Es ist so begehrt, dass Menschen im Extremfall bereit sind, ihre Körperteile zu verkaufen, um sich ein solches Smartphone leisten zu können. Apples Produkte zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine reine Soft- oder Hardware, sondern untrennbar miteinander verwobene, wohldurchdachte Systeme darstellen. Weder Soft- noch Hardware ist da allein von herausragender Bedeutung; doch ihr geschicktes Zusammenspiel erscheint der wachsenden Kundenschar unwiderstehlich.

Doch im Unterschied zu den USA, die neben einigen herausragenden IT-Produkten immer weniger im Bereich des Systembaus anbieten können, haben deutsche Hersteller nicht versucht, Entwicklungs- und Produktionsprozesse auf Biegen und Brechen nach Asien zu verlagern. Die berühmte deutsche Ingenieurskunst wurde nicht in dem Maße dem billigen Massending geopfert, wie es woanders der Fall war. Ausgiebig könnte man darüber philosophieren, warum es so gekommen ist. Vielleicht ist die oftmals unterstellte Unfähigkeit deutscher Hersteller, die höherwertigen Schritte der Wertschöpfungskette nach China zu verlängern, im Endeffekt für das ganze Land ein Glücksfall. Dank dieses Umstands werden hier immer noch Güter „zum Anfassen“ gebaut.

Natürlich sind kurzfristige Erfolge auch mit Softwareprodukten und damit verbundenen Dienstleistungen möglich. Der neuerliche Kauf der 13-Mann-Bude Instagram nach knapp zweijährigem Bestehen durch Facebook für sage und schreibe eine Milliarde Dollar ist eine seltene Ausnahme.

Bei rein mechanischen Produkten stellt sich die Frage nach ihrer strategischen Bedeutung im volkswirtschaftlichen Sinne erst gar nicht.

Das volkswirtschaftliche, strategische Potenzial steckt in einer cleveren Kombination aus beiden Komponenten: Hardware und Software.

Strategisches Potenzial von Hardware-Software-Systemen

Dem Systembau gehört die Zukunft. Solange wir schöne Dinge „zum Anfassen“ (oder zum Fahren, zum Fliegen …) bauen und dieses Know-how nicht fahrlässig aus der Hand geben, werden wir voraussichtlich weiterhin vorne mitspielen dürfen. Länder wie Deutschland oder Japan, die konsequent auf den Systembau setzen, konnten bisher den meisten Attacken der Billigheimer widerstehen.

Man bedenke, dass britische Produkte im 19. Jahrhundert für ihre Qualität weltberühmt waren. Was heute „Made in Germany“ ist, war damals „Made in England“. Schlimmer noch: Deutsche Erzeugnisse galten als wenig zuverlässig, schlecht verarbeitet und generell minderwertig. Dass es heute teils umgekehrt ist, liegt auch – oder vielleicht sogar vor allem – daran, dass der Systembau in Deutschland weiterhin beheimatet blieb, während andere Länder sich mit Finanzdienstleistungen & Co. zufrieden gaben und ihre Systembauindustrie verdorren ließen.

Dank seiner Ausrichtung auf hochwertige Systemherstellung sehe ich gute Chancen, dass Deutschland schlimme Finanzkrisen und Mega-Trends wie die demografischen Herausforderungen oder extreme Klimaveränderungen  gut meistert – solange wir weiter Dinge „zum Anfassen“ bauen.

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Über den Autor

Roman MildnerRoman Mildner, zertifizierter Projektmanager (PMP) und Mitglied im United Mentors Network (UMN), ist seit 1992 in der IT und seit 1998 als unabhängiger Berater und Projektmanager tätig. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören IT-Strategieberatung, Projektmanagment und Prozessberatung. Weitere Details finden sich auf seiner UMN-Seite. (S. auch Google)

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